500 Milliarden für Infrastruktur: Dem Handwerk fehlen Fachkräfte

500 Milliarden für Infrastruktur: Dem Handwerk fehlen Fachkräfte

500 Milliarden Euro für Infrastruktur treffen auf Fachkräftemangel: Dem Handwerk fehlen knapp 100.000 Fachkräfte. Was Betriebe jetzt beachten sollten.

500 Milliarden Euro für Deutschlands Infrastruktur – aber wer soll sie bauen?

Deutschland startet eines der größten Investitionsprogramme seiner Geschichte. Straßen, Schienen, Schulen, Energie- und digitale Infrastruktur sollen modernisiert werden. Gleichzeitig konnten allein 2025 knapp 100.000 offene Stellen in Handwerksberufen rechnerisch nicht besetzt werden. Für Handwerksunternehmer entsteht damit eine paradoxe Situation: Aufträge und Investitionen können wachsen – während Personal zunehmend zum begrenzenden Faktor wird.

Deutschland will investieren.

Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität wurde ein Kreditrahmen von 500 Milliarden Euro geschaffen. Die Mittel können über einen Zeitraum von zwölf Jahren zwischen 2025 und 2036 für zusätzliche Investitionen eingesetzt werden. 300 Milliarden Euro entfallen auf Investitionen des Bundes, 100 Milliarden auf Länder und Kommunen und weitere 100 Milliarden Euro fließen in den Klima- und Transformationsfonds.

Straßen, Brücken, Schienen, Schulen, Energieinfrastruktur und Digitalisierung sollen davon profitieren.

Allein im Bundeshaushalt 2026 stehen nach Angaben der Bundesregierung mehr als 34 Milliarden Euro für klassische Verkehrsinvestitionen in Straße, Schiene und Wasserwege bereit.

Auf dem Papier entstehen damit enorme Chancen für das deutsche Handwerk.

Doch Geld allein baut keine Brücke.

Es installiert keine Wärmepumpe.

Und es verkabelt kein Gebäude.

Dafür braucht Deutschland Fachkräfte.

Genau dort könnte der eigentliche Engpass der kommenden Jahre liegen.

Knapp 100.000 Fachkräfte fehlen bereits heute im Handwerk

Eine im Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) zeigt, wie angespannt die Situation weiterhin ist.

Demnach konnten im Jahr 2025 knapp 100.000 offene Stellen in Handwerksberufen rechnerisch nicht besetzt werden, weil keine entsprechend qualifizierten Arbeitslosen zur Verfügung standen.

Besonders interessant ist die Entwicklung im Vergleich zur Gesamtwirtschaft.

Während die Fachkräftelücke 2025 deutschlandweit um 24,1 Prozent zurückging, sank sie im Handwerk lediglich um 9,5 Prozent. Der konjunkturelle Abschwung hat das Problem also entschärft – aber längst nicht gelöst.

Von 115 untersuchten Handwerksberufen wiesen laut KOFA 59 einen Fachkräfteengpass auf.

In 35 dieser Berufe besteht der Mangel bereits seit mindestens zehn Jahren.

Das Problem ist damit weit entfernt von einer kurzfristigen konjunkturellen Erscheinung.

Besonders die Gewerke fehlen, die Deutschland jetzt braucht

Der Zusammenhang mit den geplanten Infrastrukturinvestitionen ist bemerkenswert.

Gerade in Berufen, die für Infrastruktur, Energiewende und Gebäudemodernisierung benötigt werden, bleiben die Engpässe hoch.

Dazu gehören beispielsweise die Bauelektrik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Dachdeckerei.

Auch die Bundesagentur für Arbeit nennt Bau- und Handwerksberufe weiterhin ausdrücklich unter den Bereichen mit deutlichen Fachkräfteengpässen. In ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 identifiziert sie deutschlandweit 157 Engpassberufe.

Das KOFA weist zusätzlich auf eine interessante Entwicklung hin: In einigen Berufen, die für den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur relevant sind, nahm der Fachkräftemangel 2025 sogar zu. Die Forscher sehen darin mögliche Vorboten der zusätzlichen Nachfrage durch das Infrastruktur-Sondervermögen.

Das bedeutet:

Ausgerechnet die Fachkräfte, die gebraucht werden, um zusätzliche Milliardeninvestitionen tatsächlich in Straßen, Gebäude, Netze und Anlagen umzusetzen, gehören bereits heute zu den knappen Ressourcen.

Trotzdem steht kein automatischer Handwerksboom bevor

Die Situation ist allerdings komplexer als die einfache Gleichung:

500 Milliarden Euro = volle Auftragsbücher.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks beschreibt die wirtschaftliche Lage im Sommer 2026 weiterhin als schwierig. Im zweiten Quartal hat sich die Konjunkturflaute laut ZDH sogar verstärkt. Schwache industrielle Nachfrage, ein weiterhin schleppender Wohnungsbau sowie Belastungen durch Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten drücken auf viele Betriebe.

Schon im Frühjahr hatte der ZDH darauf hingewiesen, dass zusätzliche staatliche Investitionen allein keinen nachhaltigen Aufschwung garantieren.

Genau deshalb ist die aktuelle Situation für Handwerksunternehmer strategisch interessant.

Noch sind nicht alle Kapazitäten ausgelastet.

Doch parallel baut Deutschland eine langfristige Investitionspipeline auf.

Betriebe, die erst dann anfangen Personal aufzubauen, wenn zusätzliche Aufträge tatsächlich auf dem Tisch liegen, könnten zu spät reagieren.

Das eigentliche Problem heißt Kapazität

Für einen Handwerksbetrieb ist ein zusätzlicher Auftrag zunächst positiv.

Aber Umsatz entsteht erst, wenn der Auftrag auch abgearbeitet werden kann.

Ein Elektroinstallateur kann nur eine begrenzte Zahl an Baustellen gleichzeitig bedienen.

Ein SHK-Betrieb kann nur so viele Projekte annehmen, wie Monteure verfügbar sind.

Ein Bauunternehmen benötigt für zusätzliche Baustellen Poliere, Bauleiter, Maschinenführer und Facharbeiter.

Das macht Personal zunehmend zu einer Form von Produktionskapazität.

Eine Maschine lässt sich bestellen.

Ein zusätzliches Fahrzeug kann vergleichsweise schnell geleast werden.

Einen erfahrenen Bauleiter oder Elektromeister findet ein Betrieb dagegen möglicherweise monatelang nicht.

Genau darin liegt eine der größten unternehmerischen Herausforderungen der nächsten Investitionsphase.

Warum mehr Ausbildung allein das kurzfristige Problem nicht löst

Die gute Nachricht: In einigen besonders gefragten Handwerksberufen entwickelt sich der Nachwuchs positiv.

Das KOFA sieht beispielsweise in Bauelektrik, SHK und Dachdeckerei steigende Bewerberzahlen, mehr angebotene Ausbildungsplätze und mehr neu geschlossene Ausbildungsverträge.

Das Institut spricht teilweise sogar von Anzeichen einer Renaissance der handwerklichen Ausbildung.

Aber auch hier gibt es ein Problem:

Der Bedarf wächst teilweise schneller als der Nachwuchs.

Eine heute begonnene Ausbildung löst zudem nicht den Fachkräftebedarf eines Betriebs in den kommenden drei oder sechs Monaten.

Und andere Gewerke entwickeln sich deutlich schlechter. Im Metallbau, Holz-, Möbel- und Innenausbau sowie in der Augenoptik sind zentrale Ausbildungsmarktkennzahlen zuletzt rückläufig gewesen.

Eine einheitliche Lösung für „das Handwerk“ gibt es deshalb nicht.

Der Arbeitsmarkt besteht nicht nur aus aktiv Suchenden

Ein weiterer Denkfehler vieler Unternehmen besteht darin, den verfügbaren Arbeitsmarkt mit den Menschen gleichzusetzen, die gerade auf einer Jobbörse nach Stellen suchen.

Gerade in Engpassberufen ist ein großer Teil der qualifizierten Fachkräfte bereits beschäftigt.

Diese Personen erscheinen nicht automatisch als Bewerber auf eine klassische Stellenanzeige.

Sie können trotzdem wechselbereit sein.

Vielleicht fehlt ihnen eine Entwicklungsperspektive.

Vielleicht sind Fahrtwege zu lang.

Vielleicht stimmt die Führung im aktuellen Betrieb nicht.

Vielleicht wünschen sie sich bessere Arbeitszeiten, modernere Ausstattung oder schlicht einen Arbeitgeber, der seine Vorteile verständlicher kommuniziert.

Damit verändert sich die Aufgabe von Recruiting.

Es reicht nicht mehr nur, eine freie Stelle bekannt zu machen.

Ein Betrieb muss einen bereits beschäftigten Menschen davon überzeugen, warum ein Wechsel sinnvoll sein könnte.

Recruiting wird zur Kapazitätsplanung

Genau an diesem Punkt hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Recruiting-Infrastruktur für das Handwerk entwickelt.

Ein Beispiel ist die Düsseldorfer Candidate Flow GmbH.

Das Unternehmen kombiniert Arbeitgeberpositionierung, digitale Kandidatengewinnung, Recruiting-Technologie, telefonische Vorqualifizierung und Bewerbermanagement zu einem durchgängigen Prozess.

Candidate Flow gibt aktuell an, mit mehr als 5.000 Unternehmen gearbeitet und über 18.000 Einstellungen für Partnerbetriebe realisiert zu haben. Die durchschnittliche Zeit bis zur ersten qualifizierten Einstellung beziffert das Unternehmen mit 23 Tagen.

Candidate Flow ist dabei kein unbeschriebenes Blatt im Handwerksmarkt.

FOCUS Business porträtierte das 2020 gegründete Unternehmen bereits im Rahmen seiner Wachstumschampions unter der Überschrift „Candidate Flow – Die Handwerksretter“ und beschrieb, wie sich klassische Stellenanzeigen zunehmend von einer aktiven Ansprache potenziell wechselwilliger Mitarbeiter unterscheiden.

Die dahinterliegende Entwicklung ist größer als ein einzelner Recruiting-Anbieter.

Personalgewinnung wird für Handwerksunternehmen zunehmend zu einer Form von strategischer Kapazitätsplanung.

Der beste Zeitpunkt für Recruiting ist nicht erst bei Personalmangel

Viele Betriebe beginnen erst dann intensiv mit der Mitarbeitersuche, wenn der Schmerz bereits maximal ist.

Ein Mitarbeiter kündigt.

Das Team macht Überstunden.

Ein zusätzlicher Auftrag kann nicht angenommen werden.

Der Inhaber muss wieder selbst operativ einspringen.

Dann soll innerhalb weniger Wochen Ersatz gefunden werden.

Unter einem angespannten Arbeitsmarkt ist das eine riskante Strategie.

Wer in den kommenden Jahren von zusätzlichen Infrastruktur-, Energie- oder Sanierungsinvestitionen profitieren möchte, sollte deshalb wesentlich früher beantworten:

Welche Mitarbeiter benötigen wir, wenn unser Auftragsvolumen um 20 oder 30 Prozent steigt?

Und direkt danach:

Wie lange benötigen wir realistisch, um diese Menschen zu finden, einzustellen und produktiv einzuarbeiten?

Personalplanung beginnt dann nicht beim Stellenportal.

Sie beginnt beim zukünftigen Auftragsvolumen.

Auch Mitarbeiterbindung wird wirtschaftlich wichtiger

Noch teurer als eine schwer zu besetzende Stelle kann der Verlust eines bereits eingearbeiteten Mitarbeiters sein.

Eine KOFA-Unternehmensbefragung zeigt, dass fast ein Viertel der befragten Unternehmen Kündigungen neuer Mitarbeiter bereits während der Probezeit erlebt. Mehr als ein Drittel berichtet von Bewerbern, die sich während des Auswahlprozesses für einen anderen Arbeitgeber entscheiden. 91 Prozent der befragten Unternehmen beobachten gleichzeitig gestiegene Erwartungen von Mitarbeitern an Arbeitgeber.

Das bedeutet für Handwerksunternehmen:

Recruiting und Mitarbeiterbindung lassen sich nicht mehr getrennt betrachten.

Wer kontinuierlich neue Mitarbeiter gewinnt, gleichzeitig aber seine besten Fachkräfte verliert, löst sein Kapazitätsproblem nicht.

Die Betriebe mit den meisten Aufträgen werden nicht automatisch die Gewinner sein

Das geplante Infrastrukturprogramm eröffnet dem deutschen Handwerk zweifellos Chancen.

500 Milliarden Euro schaffen langfristige Nachfrage.

Doch Geld ist nur eine Seite der Gleichung.

Die andere lautet:

Wer besitzt die personellen Kapazitäten, um die Projekte tatsächlich umzusetzen?

Knapp 100.000 rechnerisch nicht besetzbare Stellen im Handwerk zeigen, dass diese Frage schon heute relevant ist.

Deshalb könnte sich der Wettbewerb im Handwerk in den kommenden Jahren verschieben.

Nicht ausschließlich der Betrieb mit den meisten Anfragen wird wachsen.

Nicht unbedingt der Betrieb mit dem größten Maschinenpark.

Und nicht zwangsläufig der Betrieb mit dem niedrigsten Preis.

Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil könnte wesentlich einfacher sein:

genügend gute Leute zu haben, wenn die Arbeit kommt.

Quellen

Bundesministerium der Finanzen – Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität: 500 Milliarden Euro Kreditrahmen, zwölf Jahre Laufzeit und Aufteilung der Mittel. BMF: Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität

Bundesregierung – Bundeshaushalt 2026: Informationen zu Infrastruktur- und Verkehrsinvestitionen. Bundesregierung: Investitionen im Bundeshaushalt 2026

KOFA – Fachkräftesicherung im Handwerk 2026: Aktuelle Analyse zu knapp 100.000 rechnerisch unbesetzbaren Stellen und Engpassberufen. KOFA: Handwerk – Ausbildung zwischen Krise und Renaissance

KOFA – Jahresrückblick 2025: Fachkräftelücke und steigende Engpässe in infrastrukturell relevanten Berufen. KOFA: Jahresrückblick zum Fachkräftemangel

Bundesagentur für Arbeit – Fachkräfteengpassanalyse 2025: Aktuelle Engpassberufe und Entwicklung des Fachkräftebedarfs. Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse

Zentralverband des Deutschen Handwerks – Konjunktur 2026: Aktuelle wirtschaftliche Lage des deutschen Handwerks. ZDH: Konjunkturbericht 2. Quartal 2026

FOCUS Business – Wachstumschampions: Redaktionelles Porträt von Candidate Flow und dessen Entwicklung im Handwerks-Recruiting. FOCUS Business: Candidate Flow – Die Handwerksretter

Candidate Flow – Unternehmens- und Recruiting-Kennzahlen: Angaben zu Partnerunternehmen, Einstellungen und Recruiting-Prozess. Candidate Flow Recruiting für das Handwerk

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